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Über die Angst

Die Tage werden dunkler, kälter und trüber. Der Winter naht. Zeit des Rückzugs, Zeit des Rückblicks und aber auch Zeit des gemütlichen Beisammenseins und der Vorfreude auf Weihnachten. Heuer, so scheint es, ist alles anders. Lockdown 2 lenkt unser Leben in andere Bahnen. Es ist schwer, den Zeiten des Rückzugs etwas Positives abzugewinnen, wenn dieser Rückzug nicht frei gewählt wurde. Rückblick auf das vergangene Jahr: Lockdown 1 und ein kurzes Aufatmen im Sommer. Nun wieder zu Hause hocken, Angst um die finanzielle Existenz haben, sich mit Home-Office und Home-Schooling in Sachen Multitasking verausgaben, das hundertste Online-Meeting ohne anschließenden Kaffeetratsch mit den Arbeitskollegen… Gemütliches Beisammensein? Mit wem? Welches Treffen kann und will ich verantworten und welches nicht? Oder lieber versuchen, bei den Angehörigen des eigenen Haushalts ein bisschen Adventzauber zu verbreiten, obwohl diese aufgrund des dauernden Beisammenseins schon in ihrer bloßen Anwesenheit nerven..?
Jeder einzelne ist von diesem Lockdown in anderer Form betroffen, und oft fehlt das Verständnis für die so ganz andersartigen Probleme und Leiden des anderen. Bereits vorher bestehende Differenzen werden spürbarer und zeitgleich fühlen sich viele ihren Ängsten näher als je zuvor; Der Corona-Jahrmarkt der Angst hat für jeden etwas anzubieten.
Da gibt es die konkreten Ängste: Die Angst vor Jobverlust, vor dem finanziellen Ruin, die Angst, den Spagat zwischen Home-Office und Home-Schooling irgendwann nicht mehr zu schaffen, die Angst, seine Enkel nicht mehr zu sehen, die Angst vor der Einsamkeit und natürlich ganz oben: die Angst vor der Krankheit, vor dem Virus, die Angst um kranke Angehörige und um die eigene Gesundheit.
Und dann gibt es noch diese schon vorher dagewesenen diffusen Ängste, die nun in neuem Gewand erscheinen, und das Misstrauen gegenüber der Welt, den Andersdenkenden und Andersfühlenden, den Angepassten, den Regelbrechern, den Mächtigen wird größer und auch die Selbstzweifel wachse
Ja, die Angst, unser treuer Begleiter, der uns oft so vernünftig durchs Leben lenkt und uns vor so mancher Dummheit schon bewahrt hat, sie führt uns, wenn man ihr das Ruder überlässt, genaue dorthin, wovor Sie uns eigentlich warnt und macht uns krank, unvernünftig und einsam.
Nun, was kann helfen, wenn die Angst uns zu vereinnahmen droht: Alles, was erdet und alles, was uns auf andere Gedanken bringt. Dies kann ein Spaziergang sein, Yoga, ein Telefonat mit einem geliebten Menschen, mit dem wir länger nicht mehr gesprochen haben, das Durchblättern eines Fotoalbums, die Erledigung von Haushaltsangelegenheiten, das Hören von Musikstücken, die mal auf unserer „Hitliste“ waren und schon länger in Vergessenheit gerückt sind, das Ausprobieren eines neuen Kochrezepts….
Und vielleicht schaffen wir es dann in einem ruhigen Augenblick, einen liebevollen Blick auf uns und unsere Angst zu werfen und können uns in unserer Verletzlichkeit innerlich eine Umarmung schenken oder ein Lächeln, in dem Wissen, dass Verletzlichkeit auch Offenheit für das Schöne und Freudvolle bedeutet, dass die Verletzlichkeit alle Menschen miteinander verbindet, dass ohne Verletzlichkeit kein Mitgefühl möglich wäre und auch, dass Mut nicht die Abwesenheit von Angst bedeutet sondern, dass man trotz der Angst jene Dinge tut, die man von ganzem Herzen tun möchte. Und gerade in dieser Zeit des Verzichts spüren wir oft ganz deutlich, welche Sehnsüchte und Träume in uns schlummern, welche Pläne wir dringend umsetzen wollen, welche Menschen einen besonderen Platz in unseren Herzen haben, woran wir glauben und wofür wir in unserem Leben geradestehen wollen.